Das Tarot von Marseille-Waite (und das making of)

Die Arbeit am Tarot ist erst dann vollständig, wenn man sein eigenes Spiel veröffentlicht hat. Nach einem Jahr harter Arbeit ist es da – und kann sich sehen lassen. Ich möchte es Euch kurz vorstellen.

Warum Marseille-Waite?

2-papesserider waite papesseAm Tarot von Marseille schätzt man die alte Anmutung, die klaren, schlichten und kraftvollen Karten der großen Arkana. Leider wirken die kleinen Arkana eher abstrakt, deswegen nutzt man meistens auschließlich die 22 Karten der großen Arkana. In anderen Worten: Man verzichtet auf zwei-Drittel des Spiels. Eigentlich schade!

Die kleinen Arkana von Waite sind illustriert und dadurch sofort verständlich, womit das Problem gelöst ist. Dafür sind leider die großen Arkana überladen: Ein Vorteil, um die Arbeit an der persönlichen Symbolik zu fördern. Aber die Arbeit an konkreteren Fragen wird dadurch erschwert.

Deswegen stand man bisher vor dem Dilemma: Beim Marseille-Tarot waren die großen Arkana klar und die kleinen kompliziert. Beim Waite-Tarot waren die großen Arkana kompliziert und die kleinen klar. Beide Spiele zu mischen ist nicht möglich, die Karten haben weder dieselbe Größe, noch dieselbe Rückseite… ganz zu Schweigen vom sehr unterschiedlichen Design!

Dann kam die Erleuchtung

visagesUm beide harmonisch zu verbinden gibt es aus meiner Sicht nichts Besseres als eine mittelalterliche Anmutung – und das nicht nur, weil sie schön ist.
Bilder sollen im Tarot als Spiegel fungieren. Es geht nicht um Personen, sondern um Konzepte und Haltungen. Genau wie in den Miniaturen des Mittelalters: Selbst wenn diese Personen darstellen sind die Illustrationen eigentlich abstrakt. Deswegen sehen die mittelalterlichen Figuren alle irgendwie gleich aus: Denn es sind keine Menschen, sondern Ideen. Erst in der Renaissance entstand die Kunst des Porträts.

Um ein symbolisches Werkzeug zu schaffen, so präzise wie möglich, musste eine Verbindung zur alten Welt wieder hergestellt werden – oder anders gesagt, Leben musste erneut in den kodifizierten Stil der Miniatur-Meister eingehaucht werden. Für eine authentische Wirkung waren reale Miniaturen notwendig. Ermöglicht hat das die sehr fortgeschrittene Digitalisierung der Bibliotheksbestände weltweit. Natürlich war es die Gelegenheit, kopfüber in diese wundervollen Werke einzutauchen. Für ein harmonisches Ergebnis war eine mehr als professionelle Zeichnerhand notwendig: Diese fand ich bei der Künstlerin Alice Laverty, mit der sich eine herausragende Zusammenarbeit entwickelte.

Ich habe das Projekt geleitet, an der Symbolik gearbeitet und das Miniaturmaterial geliefert. Alice ließ die mittelalterliche Linie neu aufleben und mischte ihre Beherrschung der Komposition und der Farbe bei. Hier eine Reihe von Fotos, um die Entstehung der Neun der Münzen in großen Zügen nachzuempfinden.

Insgesamt verlangte das Projekt ein Jahr (intensiver) Arbeit. Es hat sich jedoch gelohnt, das Ergebnis hat all meine Erwartungen übertroffen. Das Kartenspiel ist abgeschlossen, der Stil steht für sich und noch wichtiger, das Spiel ist für Legungen sehr gut geeignet. Das Beste aus zwei Welten ist vereint: Die Gerechtigkeit ist in der XI und die Kraft in der VIII, um der Einheitlichkeit des Rider-Waite zu entsprechen. Diese bleibt aus meiner Sicht jedoch immernoch überlegen. Aber die großen Arkana sind in ihrer Komposition den Nutzern des Marseille-Tarots vertraut und die kleinen Arkana übernehmen die des Waite-Tarots, mit einigen Verbesserungen.


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